Wie eine Teststrecke zur Wiege von Geschwindigkeit, Innovation – und Raketen wurde
Zwischen Wald und Feldern bei
Rüsselsheim
liegt ein Ort, der heute fast vergessen ist.
Ein paar Betonreste.
Eine steile Kurve im Wald.
Doch genau hier entstand einst eines der modernsten technischen Bauwerke Europas –
die Opel-Renn- und Versuchsbahn.
Ein Ort, an dem Autos eingefahren wurden.
Rekorde aufgestellt wurden.
Und an dem später Raketen gezündet wurden.
Der Ursprung: Wenn Testfahrten zum Problem werden
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Autos nicht im Labor getestet – sondern auf der Straße.
Mit steigender Produktion bei Opel wurde das zunehmend gefährlich:
- Fahrzeuge fuhren durch die Stadt
- Lärm belastete die Bevölkerung
- Straßen wurden beschädigt
Die Beschwerden eskalierten so weit, dass die hessische Regierung 1915 eingriff und Opel verpflichtete, eine eigene Test- und Einfahrbahn zu bauen.
Damit begann eine Entwicklung, die weit über das ursprüngliche Ziel hinausging.
1917–1919: Der Bau eines technischen Meisterwerks
Die Opelbahn wurde ab 1917 gebaut und bereits im Oktober 1919 fertiggestellt – trotz der schwierigen Bedingungen des Ersten Weltkriegs.
Konzipiert wurde sie von Carl Opel und dem Baumeister Jakob Ritzert.
Die technischen Daten zeigen, wie visionär das Projekt war:
- 1,5 km langer Rundkurs
- asymmetrische Ellipse
- 12 Meter Fahrbahnbreite
- 32° Steilkurven
- bis zu 140 km/h ausgelegt
- 8 Meter Sicherheitsstreifen im Innenbereich

Zusätzlich verfügte die Anlage über:
- Tribünen und Stehplätze
- Fahrerlager und Wartungsflächen
- Wärter- und Verbandshaus mit Opel-Schriftzug
- Fußgängerbrücke (ab 1925)
Die Bahn war kein Provisorium.
Sie war ein durchdachtes Gesamtsystem.
Die eigentliche Aufgabe: Autos einfahren
Der wichtigste Zweck der Opel-Rennbahn wird oft unterschätzt.
Hier wurden Fahrzeuge eingefahren – ein zentraler Bestandteil der Produktion.
Bereits seit 1903 existierte eine kleinere Einfahrbahn im Werk, doch sie war längst zu klein geworden.
Auf der neuen Strecke konnten Fahrzeuge erstmals systematisch getestet werden:
- Motoren und Getriebe einlaufen lassen
- Materialspannungen reduzieren
- Produktionsfehler erkennen
- Zuverlässigkeit sicherstellen
Unter der Woche war die Opel-Rennbahn daher vor allem:
Ein hochmodernes Testzentrum der Automobilindustrie.
1920: Die Geburt des Motorsports in Deutschland
Die erste sportliche Nutzung begann früh:
- 30. März 1920: erstes Radrennen
- 29. August 1920: erstes Autorennen

Die offizielle Eröffnung zog über 10.000 Zuschauer an.
In den folgenden Jahren entwickelte sich die Opelbahn zu einem der wichtigsten Rennorte Europas.
Ein Motodrom für die Massen
Auf dem Höhepunkt ihrer Popularität strömten bis zu 60.000 Zuschauer zur Bahn.
Die Atmosphäre:
- Volksfeststimmung
- Verkaufsstände
- Musik durch die Opel-Kapelle
- dicht gedrängte Menschenmengen
Die Opel-Rennbahn war mehr als Sport:
Sie war Event, Bühne und Erlebnis.
Rennsport-Elite in Rüsselsheim
Die größten Namen der Zeit gingen hier an den Start:
- Carl Jörns
- Rudolf Caracciola
- Hanni Köhler
- Fritz von Opel
Für rund ein Jahrzehnt hatte die Bahn europaweite Bedeutung und war mit Strecken wie Brooklands oder Indianapolis vergleichbar.
Industrie wird zur Inszenierung
Ein Highlight war die berühmte „Laubfrosch“-Parade 1925:
- Präsentation von 125 Fahrzeugen gleichzeitig
- komplette Tagesproduktion
- öffentlich inszeniert nach einem Rennen
Der Opel 4/12 „Laubfrosch“ war eines der ersten Fließbandfahrzeuge Deutschlands.
Hier wurde industrielle Leistungsfähigkeit sichtbar gemacht.
Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal: Innovation
Die Opel-Rennbahn war nicht nur Rennstrecke und Testgelände.
Sie war ein Innovationslabor.
Und genau hier beginnt das Kapitel, das sie einzigartig macht:
Raketen.
„Raketen-Fritz“ und die Revolution des Antriebs
Ende der 1920er Jahre betritt eine zentrale Figur die Bühne:

Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-06077 / CC-BY-SA 3.0
Sein Spitzname war Programm.
Nach einem Treffen mit dem Raketenpionier Max Valier beschließt er, in die Entwicklung von Raketenantrieben einzusteigen.
Gemeinsam mit Friedrich Wilhelm Sander beginnt das RAK-Programm.
1928: Die ersten Raketenfahrzeuge
Nach geheimen Tests wird die Opel-Rennbahn am 11. April 1928 zum Schauplatz einer Sensation:

Der erste öffentliche Start eines Raketenautos.
Der RAK 1:
- erreicht 100 km/h in etwa 8 Sekunden
- angetrieben durch Pulverraketen
- gesteuert von Kurt C. Volkhart
Die internationale Presse ist begeistert.
RAK 2 und die Jagd nach Geschwindigkeit
Nur wenige Wochen später folgt der nächste Schritt:

RAK 2
- 24 Raketen
- über 230 km/h
- aerodynamische Flügel zur Stabilisierung
Fritz von Opel selbst fährt – und wird zur weltweiten Sensation.
Noch schneller: RAK 3 auf Schienen
Das Konzept wird weiterentwickelt:

- Raketenfahrzeug auf Schienen
- Rekord: 256 km/h
Ein weiterer Beweis für das Potenzial dieser Technologie.
Der nächste Schritt: Raketenflug
Die Vision endet nicht am Boden.
1929 beginnt die Entwicklung eines Raketenflugzeugs.
Am 30. September 1929 hebt Fritz von Opel ab:

- Flugzeit: ca. 80 Sekunden
- Strecke: knapp 2 km
- Höhe: über 20 Meter
Der erste bemannte öffentliche Raketenflug der Geschichte.
Die Opelbahn als Ursprung der Raumfahrtentwicklung
Parallel dazu wird auf der Opel-Rennbahn ein weiteres historisches Ereignis durchgeführt:
Ein statischer Test eines Flüssigkeits-Raketentriebwerks.
Diese Entwicklungslinie führt später:
- zur Raketenforschung in Peenemünde
- zu Wernher von Braun
- bis hin zur Raumfahrt in den USA
Der Niedergang – Opfer des eigenen Erfolgs
So innovativ die Opel-Rennbahn war, so schnell wurde sie überholt.

Bereits Anfang der 1930er Jahre:
- Fahrzeuge wurden schneller
- Anforderungen stiegen
- die Strecke war zu klein
Der Rennbetrieb wurde eingestellt.
Zerstörung und Verfall
Später folgten massive Eingriffe:
- Bau der Autobahn A60
- Verlegung der Darmstädter Straße
- Abriss der Start-Ziel-Geraden

Heute ist die Bahn nur noch ein Fragment – ein „gigantischer Torso“.
Die Opel-Rennbahn heute
Das Gelände liegt heute:
- in einem Waldgebiet
- im Wasserschutzgebiet
- im Besitz der Stadt Mainz

Seit 1987 ist die Bahn ein technisches Kulturdenkmal.
Fazit: Mehr als nur eine Rennstrecke
Die Opel-Rennbahn war:
- Produktionswerkzeug
- Testzentrum
- Motorsportarena
- Innovationslabor
- Ausgangspunkt der Raketenentwicklung
Und damit:
Ein Stück Raumfahrtgeschichte – mitten in Südhessen.







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